Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland und die Klimakrise

Der Klimawandel hat einen nachweisbaren Anteil an der Flutkatastrophe im Westen und Südosten Deutschlands. Zwar steht eine detaillierte Attributionsstudie zur Höhe des Beitrags der Klimaänderung zu der Flutkatastrophe noch aus. Dennoch erlaubt der Stand der Forschung, klar festzustellen, dass die menschengemachte Erderwärmung ohne Zweifel zur Schwere des Flutereignisses beigetragen hat. Das ist das zentrale Ergebnis einer vorläufigen Untersuchung von Klimawissenschaftler:innen der Scientists for Future.

Schon seit den 1980er Jahren sagen Klimamodelle vorher, dass Extremniederschläge durch die globale Erwärmung zunehmen werden. Darüber hinaus gibt es auch zunehmend Indizien für steigende Risiken durch Veränderungen in den Zirkulationsmustern der Atmosphäre. „Diese erwartete Zunahme wurde seither auch durch Messdaten bestätigt, sowohl weltweit als auch für Mitteleuropa und Deutschland“, sagt der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf. „Der physikalische Hauptgrund dafür ist, dass warme Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann. Wahrscheinlich spielt auch eine Abschwächung der Westwinde eine Rolle, wodurch bestimmte Wetterlagen länger anhalten.“

Weltweit wird eine Zunahme von Rekordniederschlägen in den letzten Jahrzehnten beobachtet, ein Trend, der in direktem Zusammenhang mit der Erderwärmung steht. Für Deutschland hieß das konkret: Die Flutkatastrophe ging mit einer Vielzahl von klimatologischen Rekorden einher. Für viele betroffene Regionen wurden Rekordniederschläge und -pegel gemessen. Der Meteorologe Özden Terli stellt dazu fest: „Aufgrund der Erwärmung ist eine Zunahme von Starkregenereignissen und eine Abnahme von Tagen mit nur geringen Niederschlägen zu erwarten.“ Diese Umverteilung hin zu Starkregen ist unabhängig von Veränderungen der Jahresmenge an Niederschlägen,  auch bei insgesamt abnehmenden Niederschlägen können also die Starkregenereignisse zunehmen. Terli weist noch auf ein anderes Phänomen hin: Die Tiefdruckgebiete mit ihrem Starkregen ziehen nur langsam oder überhaupt nicht weiter, der Niederschlag verteilt sich also nicht mehr über eine größere Fläche, sondern fällt über Tage auf dasselbe Areal. Özden Terli: „Eine hochaufgelöste Modellierungsstudie für Starkregen in Europa zeigt eine Verlangsamung der Wettersysteme und eine starke Zunahme der Häufigkeiten von quasi-stationären Lagen und den daraus folgenden Niederschlagsextremen und Flutrisiken.“  Eine solche stationäre Wetterlage hat maßgeblich zur Flutkatastrophe im Juli 2021 beigetragen.

Der Klimatologe Carl-Friedrich Schleussner hebt die historische Singularität des derzeitigen Klimawandels hervor. Noch nie in der Geschichte war die Menschheit einem Klimawandel ausgesetzt, der so rapide abläuft – und den sie selbst erzeugt hat: „Die heute erreichten Temperaturwerte sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die höchsten seit 12.000 Jahren. Wir verlassen das relativ stabile Klima des Holozän, das Ackerbau und hochentwickelte Zivilisation erst ermöglichte.“ Dieser Prozess läuft, bezogen auf das System Erde, mit sehr hohem Tempo ab. Das bedeutet auch, dass wir noch keine wirkliche Vorstellung davon haben, was eine Erderwärmung von 1,2 °C für unsere Gesellschaften bedeutet. Schleussner: „Wir haben die wirklichen Extremwetter — also Ereignisse, die nur einmal alle 20 oder 50 Jahre zu erwarten wären — der bereits von uns verursachten Erderwärmung meist noch nicht erlebt.“

Die Katastrophe zeigt eindrücklich, dass niemand, auch nicht wir hier in Deutschland, vor den Folgen der Erderwärmung sicher ist. Auch wenn verstärkte Anpassungsmaßnahmen zum Schutz vor Klimafolgen dringend erforderlich sind, zeigen Ausmaß und Schwere des Ereignisses uns bereits heute auch die Grenzen unserer Anpassungsfähigkeit auf.

Die StellungnahmeDie Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland und die Klimakrise — eine Stellungnahme von Wissenschaftler:innen der Scientists for Future” findet sich hier:
https://info-de.scientists4future.org/die-flutkatastrophe-im-juli-2021-in-deutschland-und-die-klimakrise/

 

Ansprechpartner:

Dr. Carl-Friedrich Schleussner | carl.schleussner@climateanalytics.org | +49 (0)30 259 22 95-34

Prof. Dr. Stefan Rahmstorf | e-mail: stefan@pik-potsdam.de

Scientists For Future (S4F) ist ein überparteilicher und überinstitutioneller Zusammenschluss von Wissenschaftler:innen, die sich für eine nachhaltige Zukunft engagieren. Scientists for Future bringen als Graswurzelbewegung den aktuellen Stand der Wissenschaft in wissenschaftlich fundierter und verständlicher Form aktiv in die gesellschaftliche Debatte um Nachhaltigkeit und Zukunftssicherung ein.

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