Hohes Risiko, wenig Nutzen – Atomkraft nicht die Lösung der fossilen Energiekrise

Die Entscheidung des Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck, eine sogenannte „Einsatzreserve“ für die Atomkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 einzurichten, wird von vielen Mitgliedern der Klima-Allianz Deutschland stark kritisiert. Der geringe Nutzen für die Energieversorgung stehe in keinem Verhältnis zu den damit einhergehenden Sicherheitsrisiken. Stattdessen müsse der Energiekrise mit Energieeinspar- und Effizienzmaßnahmen sowie dem Ausbau Erneuerbarer Energien begegnet werden.

Dazu erklärt Viviane Raddatz, Fachbereichsleiterin Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF Deutschland und Sprecherin der Klima-Allianz Deutschland: „Der Beschluss, zwei Atomkraftwerke als Reserve weiter für den Einsatz bereitzuhalten, ist ein weiterer klarer Beweis für eine über zwei Jahrzehnte verschlafene Energiewende, insbesondere im Süden Deutschlands. Statt die günstigen Erneuerbaren und die Stromnetze beschleunigt auszubauen, wurde auf klimaschädliche und unsichere fossile Energieträger und Atomkraft gesetzt.“

„Der Betrieb der beiden AKW wirkt sich weder spürbar auf die Versorgungssicherheit aus, noch entlastet er die Bürger*innen. Der geringe Nutzen für die Stromnetzstabilität rechtfertigt ebenfalls nicht, die AKW in Reserve zu halten“, kommentiertOlaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

„Selbst der Stresstest der Bundesregierung kommt zu dem Ergebnis, dass die Einsparung beim Erdgas durch einen weiteren Betrieb der AKW marginal wäre. Dies bringt in einer handfesten Energiekrise so gut wie nichts und steht in keinem Verhältnis zu dem damit verbundenen Risiko”, so Karin Wurzbacher, Atomexpertin des Umweltinstituts.

„Das entscheidende Worst-Case-Szenario fehlt in der Bewertung: Der SuperGAU. Es ist richtig, dass die Atomaufsicht der Länder und des Bundes einen Sicherheitsvorbehalt behalten, denn Neckarwestheim und Isar 2 laufen seit Jahren ohne gültige Sicherheitsnachweise. Deutschland hat den Betreibern umfassende Sicherheitsprüfungen mit Blick auf den nahenden Atomausstieg einfach ‚erspart‘. Dieser Verstoß gegen europäische Sicherheitsvorschriften ist verantwortungslos und darf nicht länger fortgesetzt werden“, erklärt Brandt weiter.

Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH weist auf ein weiteres Risiko hin: „Die Entscheidung der Bundesregierung, den gesellschaftlich hart errungenen Konsens zum Ausstieg aus der Atomenergie zum Jahresende aufzukündigen, ist fatal. Und sie öffnet die Tür für eine noch gefährlichere Laufzeitverlängerung der veralteten und gefährlichen deutschen Atomreaktoren, die niemals kommen darf.“ Stattdessen sei es an der Bundesregierung, durch konsequente Energiesparprogramme für Wirtschaft und Privathaushalte die Strom- und Wärmeversorgung für diesen Winter sicherzustellen und für bezahlbare Preise zu sorgen, so Müller-Kraenner. „Dazu gehören ein Energieeffizienzgesetz mit verpflichtenden Einsparzielen für die Industrie, ein gesetzlich vorgeschriebenes Lastenmanagement und die Unterstützung bedürftiger privater Haushalte durch geeignete Maßnahmen der Preisdeckelung für ihren Mindestbedarf.“

„Dass Markus Söder und seine Vorgänger die Energiewende in Bayern und den dafür nötigen Netzausbau nach Bayern jahrelang verschleppt und verzögert haben, rächt sich nun. Es ist unverständlich, dass die Bundesregierung nicht ihre Möglichkeiten nutzt, die Bayerische Staatsregierung zu verpflichten, in einem Sofortprogramm Erneuerbare Energien auszubauen und Stromnetzlücken zu schließen“, kommentiert Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch und Sprecher der Klima-Allianz Deutschland. „Wir brauchen jetzt Eilmaßnahmen, um die Energiesicherheit in diesem Winter zu verbessern, mit dem Schnellausbau Erneuerbarer Energien, Lieferverträgen für Strom aus Nachbarländern und Lastmanagement bei den großen Verbrauchern. Und es braucht jetzt ein großes Paket an Maßnahmen und öffentlichen Investitionen, damit wir im nächsten Winter in einer ganz anderen Situation sind. Dieses Paket muss Energieeinsparungen, Wärmepumpen, Erneuerbare Energien und beschleunigten Netzausbau in den nächsten Monaten voranbringen. Dazu sollten beispielsweise staatliche Abnahmegarantien für Windkraftanlagen, Wärmepumpen und ein verbindliches Energieeffizienzgesetz gehören.“

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Constantin Zerger

Leiter des Bereichs Energie und Klimaschutz

Deutsche Umwelthilfe e.V.

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