Nicht nur Reiche sollen nachhaltig leben können

Mit rund 450 Euro im Monat Gas und Strom zahlen, Butter im Öko-Laden, auf dem E-Bike Obst im Hofladen kaufen? Nachhaltig leben in der Energiekrise, das geht nur für Besserverdienende. Das muss sich ändern, fordert die Diakonie Deutschland.

Es wird derzeit viel verlangt von deutschen Haushalten: Das Klima schonen, Energie sparen, täglich höhere Preise zahlen. Zu viel verlangt für diejenigen, die ohnehin kaum genug zum Leben haben. Die Diakonie Deutschland fordert ein radikales Umdenken - gemeinsam mit 40 weiteren kirchlich-diakonischen Partnern sowie Organisationen aus dem Sozial- und Umweltbereich wie Greenpeace oder der Deutschen Armutskonferenz.

Das Bündnis hat bereits im Sommer Thesen veröffentlicht. Mit Beginn der Heizperiode rücken die „10 Thesen für einen sozialen und ökologischen Neustart“ noch dringlicher in den Blick. Die Kernbotschaft, die erste These lautet: „Ökologie und Soziales gehören zusammen.“ Nachhaltig wirtschaften und leben, das geht nur im Miteinander von Arm und Reich.

Zehn Thesen für den Neustart

Für eine naturverträgliche und sozial gerechte Energiewende seien gezielte Förderprogramme nötig. Etwa „für energiesparende Geräte, ökologisch wirksame Reparaturen sowie eine bessere Energie- und Wärmeeffizienz von Wohnraum, die besonders Haushalten und Personen mit geringem Einkommen zugutekommen“, heißt es in These vier. 

Das Bündnis setzt auf die Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger. Es fordert Maßnahmen gegen Naturzerstörung, setzt auf klimaschonende Landwirtschaft, nachhaltige Arbeitsformen und umweltschonende Mobilität für alle. Sprich: mehr bezahlbarer öffentlicher Nahverkehr, Sharing-Angebote, ein sicheres Radwegenetz. Die Politik müsse jetzt radikal umsteuern und Anreize schaffen, etwa für eine „grüne Infrastruktur“.

Grün und gerecht denken

Die Diakonie Pfalz begrüßt die Initiative. Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr unterstreicht: „Wir müssen alle Menschen in die Lage versetzen, nachhaltig zu wohnen, zu konsumieren, zu leben.“ Im Moment sei dies nicht der Fall. Der Hartz VI-Regelsatz erlaube vielen Menschen nur die billigsten Lebensmittel zu kaufen. „Da nützen ihnen auch keine wohlfeilen Hinweise auf dieses oder jenes Ökosiegel“, beklagt Michael David, Referatsleiter Soziales bei der Diakonie Deutschland in Berlin.

Außerdem seien energetisch sanierte Wohnungen in der Regel zu teuer für Hartz VI-Empfänger. Die Idee, wieder auf vermeintlich günstigen Atomstrom zu setzen, hält der Sozialexperte für Unsinn. Die steigenden Preise seien nicht durch Strom aus erneuerbaren Energien verursacht. Im Gegenteil sei „grüner“ Strom dort, wo die Infrastruktur gut ausgebaut sei, sogar sehr günstig.

„Der Strommarkt funktioniert aber leider anders. Dort muss das teuerste Gaskraftwerk eben noch rentabel sein und da Gas teurer wird, wirkt sich das entsprechend auf den Strompreis aus“, erläutert Michael David. Er geht davon aus, dass sich einige Ziele des Bündnisses innerhalb einer Legislaturperiode erreichen ließen, so der Wille vorhanden sei. Als positives Beispiel nennt er das gerade ausgelaufene 9-Euro-Ticket der Deutschen Bahn. Ein günstiges Nachfolge-Angebot wäre „ein großer Schritt in die richtige Richtung“.

Gelder umverteilen

Das unterstreicht auch Albrecht Bähr. Alle Menschen müssten Mobilität, Ernährung, Wohnen, Arbeiten und Bildung „grün“ denken und leben können. Dazu benötigen sie ausreichende Mittel. Nur an die Eigenverantwortung der Einzelnen zu appellieren, sei zynisch. Sozial Schwache hätten schlicht „keinen finanziellen Spielraum für Nachhaltigkeit“. Ein bisschen mehr Geld mit der Gießkanne verteilen, mache auch nichts „grün“. Der Landesdiakoniepfarrer ist sich sicher: „Umverteilung ist das Gebot der Stunde. Und das heißt: Wir müssen gewaltige Geldströme dahin lenken, wo sie gebraucht werden.“

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